Warum Prozesse allein nicht ausreichen
Prozesse bleiben wichtig. Sie zeigen jedoch nur eine mögliche Sicht auf eine wesentlich umfassendere fachliche Realität.

Prozesse schaffen Orientierung
Prozessmodelle machen Abläufe sichtbar, verbinden organisatorische Einheiten und unterstützen Standardisierung, Steuerung und Automatisierung. Ihr Wert ist unbestritten.
Das Problem liegt nicht im Prozessgedanken selbst, sondern darin, dass ein Ablaufmodell nur einen Teil dessen beschreibt, was für Verständnis und Umsetzung notwendig ist.
Was im Ablauf allein nicht sichtbar wird
Auslösende Situationen
Ereignisse, Zustände und Bedingungen bestimmen, wann ein Ablauf überhaupt relevant wird.
Entscheidungslogik
Regeln und Kriterien legen fest, welche Handlung zulässig oder erforderlich ist.
Informationen und Verantwortung
Benötigte Daten, Berechtigungen und Zuständigkeiten liegen häufig außerhalb des Prozessmodells.
Ausnahmen und Abhängigkeiten
Alternative Wege, technische Abhängigkeiten und Wechselwirkungen werden oft in getrennten Artefakten beschrieben.
Fragmentiertes Prozesswissen
Das notwendige Wissen verteilt sich auf Prozessmodelle, Organisationsmodelle, Fachkonzepte, Datenmodelle, Richtlinien und Anwendungssysteme. Die fachlichen Beziehungen zwischen diesen Artefakten sind häufig nicht ausdrücklich und maschinenverarbeitbar beschrieben.
Dadurch entsteht kein durchgängiges Modell der betrieblichen Realität, sondern ein Verbund einzelner Beschreibungen, der dauerhaft synchronisiert werden muss.
Drei Versionen derselben Wirklichkeit
Der dokumentierte Prozess, der technisch implementierte Prozess und der tatsächlich gelebte Prozess können sich mit der Zeit voneinander entfernen.
Neue Anforderungen, Systeme oder Regeln werden nicht immer gleichzeitig in allen Artefakten nachgeführt. Die Verlässlichkeit der Modelle sinkt und Änderungen werden aufwendiger.
Komplexität wird verteilt, nicht aufgehoben
Fachlogik, Daten, Integration, Benutzungsoberflächen, Ereignisverarbeitung, Sicherheit und Betrieb müssen weiterhin zusammengeführt werden. Werden diese Aspekte getrennt behandelt, verlagert sich die Komplexität nur auf zusätzliche Modelle, Werkzeuge und Übergaben.
Der nächste Schritt besteht deshalb darin, Prozesse in eine gemeinsame semantische Grundlage einzubetten.
Der Prozess ist nicht die Quelle des Handlungsraums
Wenn fachliche Situationen und mögliche gültige Veränderungen ausdrücklich beschrieben sind, müssen sie nicht aus einem Prozessablauf rekonstruiert werden.
Ein Prozess kann einen typischen oder vorgeschriebenen Weg darstellen, standardisieren oder koordinieren. Wo Synchronisation, Fristen oder Abhängigkeiten eine zusätzliche Koordination verlangen, kann Orchestrierung sinnvoll oder notwendig sein. Sie ist jedoch eine zusätzliche Koordinationsanforderung – nicht die Quelle fachlicher Gültigkeit.
Nicht der Prozess definiert die möglichen Handlungen. Die Semantik definiert den Raum, in dem Prozesse entstehen können.